Tracht divers

Seit den 2000er-​Jahren sind Trachten in Bayern angesagt wie nie zuvor.

10. März 2025

Lesezeit: 5 Minute(n)

Text und Fotos: Simone Egger
Seit den 2000er-Jahren sind Trachten – und allen voran Dirndl und Lederhosen – in Bayern angesagt wie nie zuvor. Dieses Phänomen hängt unmittelbar mit der wachsenden Popularität des Oktoberfests zusammen, bietet die Münchner Theresienwiese doch eine weltweit beachtete Bühne für einen entsprechenden Auftritt vor Publikum. Die Medien verbreiten das lokale Geschehen weit über die Grenzen der Stadt hinaus, so dass viele Menschen einen Eindruck davon bekommen, was es wohl meinen könnte, bayerisch zu sein. Ob dem so ist?

Cool Bavaria

Auch jenseits der Wiesn ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein großes Interesse an Themen wie Heimat und Folklore aufgekommen. Vor allem junge Menschen haben sich spielerisch damit befasst, haben Lodenjanker, Dirndl und Lederhosen aus dem Second Hand gekauft und sich damit eingekleidet, haben Kuckucksuhren recycelt oder Irgendwie und Sowieso (wieder)entdeckt. Das Phänomen Wiesn­tracht war wie die aufkommende Heimatliebe zunächst eine ästhetische Erscheinung, die sich durch eine große Offenheit und Leichtigkeit auszeichnete. Altes und Neues, Fremdes und Eigenes, Geerbtes und Gekauftes wurde ohne Zögern miteinander verbunden. Ob Jeansjacke zum Dirndl oder Chucks und Ringelshirt zur Lederhose, Tracht wurde angeeignet und auf die jeweiligen Bedürfnisse angepasst. München war global vernetzt, gleichzeitig wurde Bayern positiv wahrgenommen. Die Schwere vergangener Jahrzehnte hatte sich verflüchtigt. In der Spätmoderne, in der vieles gleichzeitig möglich ist, hatten sich allzu eindeutige Zuordnungen beinahe aufgelöst. Wer lange Zeit in der machtvollen Position war, etwas Alltägliches – und seien es Lodenmäntel – für sich allein zu reklamieren, wurde und wird nun gar nicht mehr zwingend in dieser Ausschließlichkeit wahrgenommen.

»Ein Kostüm hat die Funktion,
etwas hervorzuheben und zu betonen

Im Heimatkostüm

Ein Kostüm – und diese Bezeichnung ist im Bezug auf Dirndl und Lederhosen gar nicht negativ gemeint – hat die Funktion, etwas hervorzuheben und zu betonen, etwas, das sehr persönlich ist und mit einer Rolle im Leben oder der Frage nach Zugehörigkeit zu tun hat. Kleidungsstücke mit vielen verschiedenen Bedeutungen eignen sich dafür besonders. Das Dirndl ist eine erfundene Tradition des späten 19. Jahrhunderts, während die Lederhose aus dem einen Kontext in einen anderen übertragen wurde. Die Suche nach der eigenen Identität geht von Einschlüssen und immer auch von mehr oder weniger moderaten Abgrenzungen aus. Wenn ich weiß, wer oder was ich nicht bin, wird mir eher klar, wer oder wie ich sein möchte. Das ist ein ganz gewöhnlicher Vorgang, der im Grunde aber nichts mit anderen, sondern vor allem mit sich selbst zu tun hat. Gleichzeitig ist jeder Mensch nicht nur eine Person, sondern hat verschiedene Aufgaben, ist Vater, Mutter, Bruder, Freundin, hat einen Beruf, singt, tanzt, grillt am Abend und arbeitet in einem Job. Der Sozialpsychologe Heiner Keupp spricht in dem Zusammenhang von Patchwork-Identitäten, die alle betreffen, egal ob gerade aus einem anderen Land geflüchtet, mit Migrationserfahrung und/oder in der dritten Generation südlich von München zu verorten. Was nun etwa das Türkische im Verhältnis zum Deutschen oder zum Schwäbischen in einer Biografie ausmacht, und wie sich diese Facetten einer Identität zueinander verhalten, hängt von Rahmenbedingungen ab und muss immer wieder ausgehandelt werden.

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Vielleicht ist es letzten Endes gar nicht so wichtig, ob Heimat nun etwas Materielles oder etwas Ideelles, ein Kleidungsstück, eine Aufgabe, einen Landstrich oder einen ganz besonderen Geruch meint, ob Heimat nun eher für Zugehörigkeit, für Freundschaft oder für Sicherheit steht. Von zentraler Bedeutung ist aber, dass Menschen in unterschiedlichen Zusammenhängen überall auf der Welt empfinden, was Heimat sein kann, und sich darin so gut wie gar nicht unterscheiden. Wer diese Verbundenheit mittels Tracht zum Ausdruck bringen möchte, kann das tun. Das Bayerische ist nicht bayerisch im Sinne eines abgezirkelten Folklorebestands und ist es auch nie gewesen.

Bayerische Vielheit

Allein in München leben heute 1,6 Millionen Menschen mit den unterschiedlichsten Erfahrungen und Verbindungen rund um den Globus. Traditionen wandeln sich und meinen nicht Stillstand oder die Engführung aus ideologischen Gründen. Das Bayerische ist an sich schon eine überaus vielschichtige und moderne Vision von Kultur. Im Jubiläumsjahr 2010 waren auf dem offiziellen Wiesn-Plakat des Münchner Tourismusamts – der einzigen Werbung, die für das Oktoberfest überhaupt gemacht wird – neben Bier, Brezen, Herz und Trachtenhut fast selbstverständlich auch Dirndl und Lederhosen abgebildet. In dieser Selbstverständlichkeit wäre das Motiv noch zwanzig Jahre zuvor undenkbar gewesen. Auf dem Plakat zeichnen sich vor einem leuchtend grünen Hintergrund die Umrisse des Trachtenpaars ab, wie man es von Papierpuppen kennt: ein schönes Bild dafür, dass alle, die wollen, auch teilhaben können. Und darauf basiert die wesentliche Qualität moderner Trachten. Der Schnitt der Dirndl und Lederhosen ist prinzipiell immer der gleiche: jede und jeder kann nun aber daraus machen, was sie oder er will. Was man auf welche Weise trägt und kombiniert, hat vor allem mit dem eigenen Habitus zu tun. Marie und Rahmée Wetterich designen für ihre Marke Noh Nee Dirndl aus afrikanischen Waxprint-Stoffen. Die Kreationen transportieren ihre persönlichen Geschichten und sorgen international für Furore.

Bierdimpfl

Im Laufe der vergangenen Jahre ist Heimat immer mehr zum politischen Thema geworden. Wahlplakate aller Couleur spielen heute Tuba oder tragen Vintage-Dirndl. Nicht nur in Bayern wurde und wird sich via Tracht duelliert. Alexander van der Bellen hat die Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten im Janker gewonnen. Anstelle sich ebenfalls mit der Bedeutungsoffenheit auseinanderzusetzen, wurde von Seiten konservativer und rechter Parteien zunächst versucht, das Popkulturelle an der wieder aufgekommenen Heimatliebe in ihrem politischen Sinne, also der Engführung, zu nutzen. Wenn ich aber weiß, was Heimat für mich bedeutet, mir meiner Familie und meinem Zuhause sicher bin, kann ich dieses Gefühl auch teilen – ohne zu fürchten, dass es mir jemand wegnimmt. Ob das nicht der Fall ist oder sich das populistische Schüren von Ängsten ohnehin nicht in kosmopolitische Realitäten integrieren lässt, bleibt fraglich. Mit der Fokussierung der politischen Debatte auf Abschottung jenseits einer Migrationspolitik, die sich mit dem Schaffen von Heimat und dem Ankommen beschäftigt und das Bayerische als Medium der Kommunikation versteht, ist jedoch ebenso fraglich, wie lange die positive Gestimmtheit gegenüber dem Freistaat auch bei den privilegierteren Dirndln und Lederhosen noch anhält. Bei aller Heimatliebe schwingt immer auch das negative Image des tumben Bierdimpfls mit, wenn wieder und wieder von allzu engen Grenzen in jeder Hinsicht die Rede ist. Tracht divers kann die Devise nur lauten.

Simone Egger

Zur Autorin

Kulturwissenschaftlerin Dr. Simone Egger, vormals am Institut für Kulturanalyse an der Universität Klagenfurt, ist seit September 2023 als Juniorprofessorin für Europäische Kulturanthropologie an der Universität des Saarlandes tätig. An der Ludwig-Maximilians-Universität München studierte Simone Egger empirische Kulturwissenschaft/Europäische Ethnologie, Ethnologie und Kunstgeschichte. Anschließend war sie am Institut für empirische Kulturwissenschaft/Europäische Ethnologie an der LMU tätig.

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